2026-08-25 Aktuelle Nachrichten, Wirtschaft und Politik aus Deutschland.
Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin bei Nacht vor einem dunklen Himmel.

Hitler-Stalin-Pakt: Wie der 23. August Europa prägt

Am 23. August 1939 schlossen das nationalsozialistische Deutsche Reich und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt. Sein geheimes Zusatzprotokoll teilte Teile Osteuropas in Interessensphären auf und stellte Polen ins Zentrum einer gewaltsamen Neuordnung. Heute ist das Datum ein europäischer Gedenktag für die Opfer totalitärer und autoritärer Regime. Der nächste eng verbundene Erinnerungstermin ist der 1. September, der Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen.

Eine diplomatische Inszenierung mit unmittelbaren Folgen

In Moskau unterzeichneten die Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow den Vertrag. Josef Stalin war bei der Unterzeichnung anwesend. Nach außen versprachen das Deutsche Reich und die Sowjetunion, einander nicht anzugreifen und Konflikte friedlich zu behandeln.

Für Adolf Hitler verringerte das Abkommen kurzfristig das Risiko, beim geplanten Angriff auf Polen sofort auch gegen die Sowjetunion kämpfen zu müssen. Stalin gewann Zeit, territoriale Handlungsmöglichkeiten und eine Vereinbarung über sowjetische Interessen in Ost- und Nordeuropa. Beide Regime handelten aus eigenen machtpolitischen Motiven; von einem Bündnis gemeinsamer Werte konnte keine Rede sein.

Der Vertrag war dennoch mehr als ein taktisches Stillhalteabkommen. Er schuf eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass das Deutsche Reich seinen Krieg gegen Polen beginnen konnte. Er war nicht die alleinige Ursache des Zweiten Weltkriegs, gehörte aber unmittelbar zur Vorbereitung der deutschen Aggression.

Was Vertrag und geheimes Zusatzprotokoll regelten

Der öffentlich bekannte Nichtangriffspakt und das geheime Zusatzprotokoll müssen getrennt betrachtet werden. Der offene Vertrag verpflichtete beide Staaten zur Neutralität und zum Verzicht auf gegenseitige Gewalt. Das geheime Dokument behandelte dagegen Gebiete, über deren Bevölkerung die Unterzeichner ohne deren Beteiligung verfügten.

Die Encyclopaedia Britannica ordnet dem Zusatzprotokoll die Aufteilung von Interessensphären in Osteuropa zu. Betroffen waren insbesondere Polen sowie Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Bessarabien. Die genaue Grenzziehung wurde nach Beginn des Krieges teilweise verändert.

Das Protokoll war keine abstrakte Karte diplomatischer Einflusssphären. Es signalisierte, in welchen Gebieten die beiden Mächte Eingriffe der jeweils anderen Seite hinnehmen wollten. Damit verband sich die Diplomatie direkt mit Besatzung, Grenzverschiebungen, Verfolgung und Zwang.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Wer nur vom Nichtangriffspakt spricht, lässt den entscheidenden territorialen Teil der Vereinbarung unsichtbar werden. Wer den Vertrag wiederum als vollständige gemeinsame Kriegsplanung beschreibt, verwischt die unterschiedlichen Ziele, Ideologien und Verantwortlichkeiten der beiden Regime.

Das nationalsozialistische Deutschland begann am 1. September den Angriffskrieg gegen Polen. Die Sowjetunion marschierte gut zwei Wochen später von Osten ein. Beide Angriffe verletzten die polnische Souveränität, doch die Feststellung dieser doppelten Gewalt bedeutet keine Gleichsetzung sämtlicher Verbrechen, Herrschaftsformen oder Kriegsziele.

Vom Vertragsabschluss zur Teilung Polens

Die Chronologie zeigt, wie rasch die geheime Verständigung in konkrete Gewalt umschlug:

  • 23. August 1939: Ribbentrop und Molotow unterzeichnen in Moskau den Nichtangriffspakt und das geheime Zusatzprotokoll.
  • 1. September 1939: Das Deutsche Reich greift Polen an. Damit beginnt der Zweite Weltkrieg in Europa.
  • 3. September 1939: Großbritannien und Frankreich erklären dem Deutschen Reich den Krieg.
  • 17. September 1939: Die Rote Armee marschiert in Ostpolen ein.
  • 28. September 1939: Deutschland und die Sowjetunion verändern ihre Abgrenzung und besiegeln die faktische Teilung des besetzten Polen.
  • 22. Juni 1941: Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion zerbricht die Zusammenarbeit zwischen den beiden Regimen.

Diese Abfolge widerlegt die Vorstellung, der Pakt sei folgenlos geblieben oder nur ein diplomatisches Zwischenstück gewesen. Zugleich erklärt sie nicht den gesamten Krieg: Die nationalsozialistische Expansions-, Rassen- und Vernichtungspolitik hatte eigenständige ideologische Wurzeln und Ziele.

Hitler-Stalin-Pakt: Wie der 23. August Europa prägt

Polen erlebte Besatzung von Westen und Osten

Für Polen bedeutete der September 1939 den Verlust staatlicher Kontrolle und die Besetzung durch zwei Mächte. Unter deutscher Herrschaft begannen Terror, Massenerschießungen, Vertreibungen und die gezielte Zerstörung politischer, kultureller und gesellschaftlicher Eliten. Später wurde das besetzte Polen zu einem zentralen Schauplatz der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden.

In den sowjetisch besetzten Gebieten folgten Eingliederung, Verhaftungen, Enteignungen, Deportationen und politische Repression. Polnische Staatsbedienstete, Offiziere, Intellektuelle und andere als Gegner eingestufte Menschen wurden verfolgt. Zu dieser Gewaltgeschichte gehört auch die Ermordung Tausender polnischer Offiziere und weiterer Gefangener durch den sowjetischen Geheimdienst im Frühjahr 1940, bekannt unter dem Namen Katyn.

Die Erfahrungen unterschieden sich nach Ort, Zeitpunkt und betroffener Bevölkerungsgruppe. Polinnen und Polen, Jüdinnen und Juden, Belarussen, Ukrainer und weitere Gemeinschaften waren nicht auf dieselbe Weise betroffen. Eine präzise Erinnerung muss deshalb sowohl die verschiedenen Täterstrukturen als auch die unterschiedlichen Opfererfahrungen benennen.

Verantwortung ohne falsche Gleichsetzung

Die Anerkennung sowjetischer Besatzungs- und Repressionsverbrechen relativiert die deutsche Hauptverantwortung für den Beginn des Krieges in Europa und den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg nicht. Umgekehrt darf die Einzigartigkeit des Holocaust nicht dazu führen, sowjetische Deportationen, Erschießungen und politische Verfolgung aus der europäischen Erinnerung auszublenden.

Historische Differenzierung bedeutet, Gemeinsamkeiten und Unterschiede gleichzeitig auszuhalten. Beide Diktaturen nutzten Gewalt und Terror, aber ihre Ideologien, Institutionen, Opfergruppen und langfristigen Ziele waren nicht deckungsgleich. Der Hitler-Stalin-Pakt markiert eine konkrete Phase der Kooperation, keine vollständige Gleichheit der beteiligten Systeme.

Warum der 23. August ein europäischer Gedenktag ist

Der 23. August wird in der Europäischen Union als Tag des Gedenkens an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime begangen. Besonders in Polen, den baltischen Staaten und anderen Ländern Ostmitteleuropas ist er eng mit Erfahrungen sowjetischer Besatzung, Deportation und unterdrückter Staatlichkeit verbunden.

In Deutschland trifft diese Perspektive auf eine Erinnerungskultur, deren unverzichtbares Zentrum die nationalsozialistische Täterschaft, der Holocaust und der deutsche Angriffskrieg bilden. Daraus entsteht kein Widerspruch, solange die jeweiligen Verbrechen präzise benannt und nicht gegeneinander aufgerechnet werden.

Das Europäische Parlament bekräftigte am 19. September 2019 die Bedeutung des 23. August für das Gedenken an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime. Kontrovers bleibt, wie europäische Institutionen die Erfahrungen von Nationalsozialismus und Stalinismus in einen gemeinsamen Rahmen stellen können, ohne historische Unterschiede einzuebnen.

Diese Debatte ist auch Gegenwartspolitik. Regierungen nutzen Geschichte mitunter zur nationalen Selbstentlastung, zur Abgrenzung von Nachbarn oder zur Rechtfertigung aktueller Machtansprüche. Umso wichtiger sind zugängliche Archive, überprüfbare Dokumente und die Stimmen der Betroffenen.

Der nächste feste Meilenstein dieser Erinnerungschronologie folgt am 1. September: Dann richtet sich der Blick auf den deutschen Überfall auf Polen, den Beginn des Krieges in Europa und die Verantwortung, die vom Pakt des 23. August begünstigte Aggression klar beim Namen zu nennen.

Quelle: Encyclopaedia Britannica

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